Warum ich Menschen so gut spüre...

... und was das mit meiner Arbeit zu tun hat

„Du hast ein unglaublich gutes Gespür für Menschen.“

Diesen Satz höre ich immer wieder. Von Menschen, die mich schon länger kennen. Von KlientInnen und KollegInnen. Und manchmal auch von Menschen, die mich gerade erst kennenlernen.

Lange habe ich diesem Gespür selbst gar nicht so richtig getraut.

Ich habe mir oft gedacht: Bilde ich mir das vielleicht nur ein? Interpretiere ich zu viel hinein?

Denn wenn man etwas sehr fein wahrnimmt, es aber nicht eindeutig benennen oder beweisen kann, beginnt man leicht, an sich selbst zu zweifeln.

Und dann gab es immer wieder Menschen, die mir genau diese Wahrnehmung abgesprochen haben. „Das bildest du dir ein.“ „Das ist doch gar nicht so.“ „Du interpretierst zu viel.“

Solche Sätze können etwas mit einem machen.

Sie haben mich immer wieder zurückgeworfen in meinen Zweifel: Vielleicht habe ich mich tatsächlich getäuscht. Vielleicht kann ich meiner Wahrnehmung doch nicht vertrauen.

Heute weiß ich: Wahrnehmen und Interpretieren sind zwei verschiedene Dinge.

Ich kann etwas spüren, ohne sofort zu wissen, was es bedeutet. Ich kann merken, dass etwas nicht stimmig ist, ohne den Grund dafür zu kennen. Und ich darf diese Wahrnehmung zunächst einfach stehen lassen.

Vielleicht beginnt Selbstvertrauen genau dort: nicht darin, immer recht zu haben, sondern darin, der eigenen Wahrnehmung wieder zuzuhören.

Woher dieses Gespür kommt

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der es viel Nähe, aber auch viel Streit, Spannungen und unausgesprochene Dinge gab. Meine Großeltern, bei denen ich viel Zeit verbrachte, waren durch den Krieg geprägt. Traumatische Erfahrungen, die sie selbst nie wirklich aufarbeiten konnten, wirkten in ihren Beziehungen und in ihrer Stimmung weiter.

Und die Stimmung konnte manchmal kippen, ohne dass ich genau wusste, warum.

War heute ein guter Tag? Durfte ich unbeschwert sein? War jemand angespannt? Musste ich vorsichtiger sein? War es besser, etwas anzusprechen – oder lieber nicht?

Ich habe sehr früh gelernt, auf kleinste Veränderungen zu achten.

Auf einen Blick. Auf einen Tonfall. Auf die Körpersprache. Darauf, wie jemand einen Raum betritt. Darauf, was gesagt wird – und vor allem auch darauf, was nicht gesagt wird.

Nicht, weil ich damals besonders feinfühlig sein wollte.

Sondern weil es notwendig war.

Wenn die Stimmung für ein Kind nicht verlässlich vorhersehbar ist, wird Beobachten zu einer Art innerem Frühwarnsystem. Man lernt, Menschen zu lesen, bevor etwas passiert.

Diese Fähigkeit ist mir geblieben.

Aber irgendwann musste ich etwas Neues lernen

Denn diese Fähigkeit hatte auch eine Kehrseite.

Wer früh gelernt hat, Stimmungen wahrzunehmen, möchte sie oft auch verändern. Spannung aushalten? Schwierig. Lieber wieder Harmonie herstellen. Lieber etwas klären. Lieber dafür sorgen, dass es allen wieder gut geht.

Das kenne ich auch von mir.

Eine wichtige Veränderung kam für mich durch meine Mediationsausbildung.

Dort habe ich gelernt, ungute Stimmungen auszuhalten.

Nicht sofort einzugreifen. Nicht vorschnell zu beruhigen. Nicht für andere die Lösung zu finden.

Ein Konflikt darf einmal im Raum sein.

Menschen dürfen unterschiedliche Meinungen haben. Sie dürfen wütend, traurig, enttäuscht oder ratlos sein. Und ich muss diese Spannung nicht sofort auflösen.

Das war für mich eine wichtige Erfahrung.

Denn plötzlich bekam mein feines Gespür eine andere Richtung:

Ich musste nicht mehr nur wahrnehmen, was zwischen Menschen passiert.

Ich durfte auch lernen, dazubleiben, wenn etwas schwierig wird.

Vielleicht ist genau das heute eine meiner wichtigsten Fähigkeiten in meiner Arbeit.

Ich kann wahrnehmen, dass etwas gerade unangenehm ist – und trotzdem ruhig bleiben.

Ich muss nicht wegsehen.

Ich muss aber auch nicht sofort etwas tun.

Was das mit meiner Arbeit zu tun hat

Heute ist dieses Gespür ein wichtiger Teil meiner Arbeit als Lebens- und Sozialberaterin, Mediatorin und Aufstellerin.

Ich höre nicht nur auf das, was Menschen erzählen. Ich nehme auch wahr, wie etwas erzählt wird. Wo jemand innehält. Wo Worte und Körpersprache nicht ganz zusammenpassen. Wo vielleicht etwas unausgesprochen bleibt.

Dabei geht es für mich nicht darum, Menschen zu „durchschauen“.

Im Gegenteil.

Mein Gespür ist eine Einladung, genauer hinzusehen.

Gemeinsam herauszufinden: Was gehört wirklich zu mir? Was trage ich vielleicht für andere? Wo passe ich mich an? Welche alten Muster wirken noch? Und was möchte heute – als erwachsener Mensch – anders werden?

Auch in Aufstellungen erlebe ich immer wieder, wie viel sichtbar werden kann, wenn wir nicht nur mit dem Verstand auf eine Situation schauen.

Und vielleicht ist das die schönste Entwicklung für mich persönlich:

Aus dem „Ich muss die Stimmung lesen, damit ich sicher bin“ ist immer mehr ein „Ich darf wahrnehmen, was da ist, und trotzdem bei mir bleiben“ geworden.

Meine feine Wahrnehmung ist nicht einfach eine Gabe, die vom Himmel gefallen ist.

Sie hat eine Geschichte.

Und vielleicht haben viele unserer besonderen Fähigkeiten eine Geschichte.

Manchmal entstehen sie dort, wo wir als Kinder etwas lernen mussten, um gut durch unser Leben zu kommen.

Die Aufgabe im Erwachsenenalter kann dann sein, diese Fähigkeit nicht mehr nur für die anderen einzusetzen – sondern auch für uns selbst.

Zu spüren, was mit dem anderen ist.

Zu spüren, was mit mir ist.

Und auch dann dazubleiben, wenn es gerade nicht angenehm ist.

Ich muss nicht jede Stimmung verändern.
Ich darf sie wahrnehmen.
Ich darf sie aushalten.
Und ich darf trotzdem bei mir bleiben.

 

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