Wenn du immer wieder die Falschen liebst ...

... und irgendwann bei dir selbst ankommst.

Ich bin 55 Jahre alt.

Wenn ich heute auf meine Beziehungsgeschichte zurückblicke, sehe ich vieles mit anderen Augen als noch vor einigen Jahren.

Ich sehe nicht nur die Männer, in die ich mich verliebt habe. Ich sehe auch mich selbst. Meine Sehnsucht. Meine Ängste. Meine Vorstellungen davon, wie Liebe sein muss.

Und ich erkenne heute Muster, die mir damals überhaupt nicht bewusst waren.

Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich vier Jahre alt war. Mein Vater war in meinem Leben eher abwesend, meine Mutter mit vielem überfordert.

Als Kind habe ich das nicht hinterfragt. Kinder denken nicht darüber nach, warum jemand nicht da ist. Sie versuchen, mit dem zurechtzukommen, was sie vorfinden.

Und manchmal lernen wir dabei Dinge über Beziehungen, die uns später gar nicht mehr bewusst sind.

Zum Beispiel, dass Nähe unsicher sein kann. Dass man sich Liebe vielleicht verdienen muss. Dass man besonders verständnisvoll, geduldig oder angepasst sein sollte, damit ein Mensch bleibt.

Ich hatte lange ein Händchen für die Unerreichbaren

 

Wenn ich ehrlich bin, war ich oft verliebt in Männer, bei denen es nicht einfach war.

In die Unerreichbaren. In Menschen, bei denen ich hoffen, warten, verstehen oder besonders viel geben musste.

Damals habe ich natürlich nicht gedacht: Aha, hier wiederholt sich gerade mein Kindheitsmuster.

Ich war verliebt.

Und wenn man verliebt ist, findet man für vieles eine Erklärung.

Heute weiß ich, dass unsere frühen Erfahrungen durchaus beeinflussen können, was sich später vertraut und damit manchmal auch besonders anziehend anfühlt.

Man könnte dafür den Begriff „Vaterkomplex“ verwenden. Aber ich möchte meine Geschichte nicht auf so ein Etikett reduzieren.

Und ich möchte schon gar nicht meinen Eltern die Schuld geben.

Meine Mutter hat mit dem gelebt, was ihr möglich war. Mein Vater war, wie er war. Und ich war ein Kind, das versucht hat, seinen Platz im Leben zu finden.

Meine Geschichte erklärt manches. Aber sie macht mich nicht zum Opfer.

Das ist für mich ein ganz wichtiger Unterschied.

Irgendwann wollte ich nicht mehr nur verstehen

 

Ich habe im Laufe meines Lebens viel über mich gelernt. Ich habe Zusammenhänge erkannt und verstanden, woher manche meiner Reaktionen kommen.

Aber irgendwann merkte ich:

Nur zu wissen, warum ich so bin, verändert noch nichts.

Ich musste anfangen, etwas anders zu machen.

Das war nicht immer angenehm.

Ich habe mir Unterstützung geholt. Ich habe Menschen an mich herangelassen, die mich begleitet, mir neue Sichtweisen eröffnet und mich manchmal auch mit Dingen konfrontiert haben, die ich lieber nicht gehört hätte.

Und ich habe selbst viel dafür getan.

Ich habe hingeschaut, wenn es unangenehm wurde. Ich habe mich mit meinen Ängsten auseinandergesetzt. Ich habe gelernt, meine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Und vor allem habe ich gelernt, mir selbst zu vertrauen.

Nicht immer sofort.

Aber immer mehr.

Genau daraus ist mein „Weg-zur-Mitte-Modell“ entstanden

 

Heute ist mir klar, dass mein persönlicher Weg sehr viel mit dem zu tun hat, was ich in meiner Arbeit den Weg zur Mitte nenne.

Für mich beginnt Veränderung mit dem Verstehen.

Nicht im Sinne von: Jetzt analysiere ich mich so lange, bis ich endlich alles erklären kann.

Sondern: Ich schaue ehrlich hin.

Welche Menschen ziehen mich an? Was brauche ich in einer Beziehung wirklich? Wo verliere ich mich selbst? Was fühlt sich vertraut an – und ist vielleicht trotzdem nicht gut für mich?

Dann kommt das Vertrauen.

Vertrauen in mich selbst. In meine Wahrnehmung. In meine Grenzen. In meine Fähigkeit, auch einmal auszuhalten, dass jemand mit mir nicht einverstanden ist.

Das war für mich ein großer Schritt.

Denn Veränderung bedeutet nicht, dass plötzlich niemand mehr etwas sagt, das weh tut.

Sie bedeutet auch nicht, dass ich immer alles richtig mache.

Sie bedeutet, dass ich mich deshalb nicht mehr selbst verlasse.

Und irgendwann kommt das Leben.

Die Entscheidung, nicht mehr aus alten Ängsten heraus zu handeln, sondern das eigene Leben und die eigenen Beziehungen bewusster zu gestalten.

Heute bin ich angekommen

 

Nicht in einer perfekten Beziehung.

Und auch nicht in einem perfekten Leben.

Aber bei mir.

Das bedeutet nicht, dass alte Gefühle niemals mehr auftauchen. Natürlich tun sie das.

Manchmal reicht ein Satz oder eine bestimmte Situation und ich merke: Da ist gerade etwas Altes in mir berührt worden.

Früher hätte daraus vielleicht eine große innere Baustelle werden können.

Heute ist es meistens ein kleiner Stolperstein.

Und manchmal bin ich sogar dankbar dafür.

Denn er erinnert mich daran, aufmerksam zu bleiben. Bei mir zu bleiben. Nicht sofort wieder in alte Muster zu rutschen.

Ich glaube inzwischen nicht mehr daran, dass Entwicklung bedeutet, irgendwann „fertig“ zu sein.

Es geht vielmehr darum, immer wieder zurückzufinden.

Zur eigenen Mitte.

Wenn es gerade weh tut

 

Vielleicht bist du selbst gerade an einem Punkt, an dem du dich fragst, warum sich in deinen Beziehungen bestimmte Dinge immer wiederholen.

Vielleicht liebst du jemanden, der dir nicht wirklich nahekommt.

Vielleicht kämpfst du um eine Beziehung, in der du dich selbst immer weniger wiedererkennst.

Oder vielleicht spürst du einfach: So wie bisher möchte ich nicht mehr.

Dann möchte ich dir aus meiner eigenen Erfahrung etwas sagen:

Gib nicht zu schnell auf.

Nicht dich selbst.

Nicht deinen Weg.

Und auch nicht die Veränderung, nur weil sie zwischendurch weh tut.

Manchmal ist gerade das, was wir nicht hören wollen, ein wichtiger Hinweis.

Ich weiß das heute nicht nur aus meiner Arbeit.

Ich weiß es aus meinem eigenen Leben.

Mit 55 muss ich meine Vergangenheit nicht mehr loswerden. Sie gehört zu mir.

Aber sie sitzt nicht mehr am Steuer.

Ich darf meine Geschichte kennen, ohne sie weiterleben zu müssen.

Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem wir beginnen, wirklich bei uns anzukommen.

Nicht perfekt.

Nicht ohne Stolpersteine.

Aber immer mehr bei uns selbst.

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